Texte

Reiseblog "Tales of the Unexpected"

In meinem Reiseblog berichte ich von einer Reise durch Südostasien - auf Deutsch, auf Englisch und in vielen Bildern.

Tales of the Unexpected

Leseproben

Ich schreibe vor allem Prosa, aber auch Gedichte. Hier könnt ihr einige Auszüge aus meinen Geschichten lesen.


Will you put down your fiddle young Willie

Will you put down your fiddle and pray

That the world has begun with the birth of the son–

Es ist eine allgemein anerkannte Katastrophe. Das war es schon immer, oder: seitdem uns die Unschuld verloren ging vor zehn Jahren. Geige zu spielen begann ich vor zwanzig Jahren. Franka begnügte sich mit Jungs. Wir sind jetzt älter, lauer temperiert und schwerer zu haben. Noch immer im Plan. Geschliffener, gewandter, und immer noch begnadet: Bei keiner von uns ist je etwas geschehen. Nach all den Triumphen ist die Bedrohung nicht kleiner geworden. Einen Eindringling in Leib und Leben könnten wir nicht tragen, darum erfordert der Ernstfall entschlossenes Handeln. Nach wie vor sind die Maßnahmen klar geregelt: Eine radikale Beseitigung, bevor die dunkle Gefahr aus dem Inneren wächst. „Da kann man noch was machen“, würde Franka sagen. Deshalb sage ich ihr nichts von meinem Warten.

„Bring mir keinen kleinen Iren mit!“, sagte mir die Professor Petrowska, als ich zum ersten Mal nach Irland fuhr, um auf meine zweite Chance zu warten. Die Aufnahmeprüfung fürs Konservatorium hatte ich vergeigt. Wegen der Klippen wollte ich nach Galway, nicht wegen der Musik. Ich, die Virtuosin ‒ und die Alten in den Pubs, die tranken, während sie fiedelten, konnten nicht einmal Noten lesen. Andere spielten auf Blechpfeifen, die sie selbst gebastelt hatten. Dann trank ich mit im Crane Pub und sie legten mir die Fiddle in den Arm wie ein Kind. Plötzlich unverklemmt unterm Kinn, wurde mein Kopf zum Singen frei. Pádraig brachte mir bei, mit nur dem halbem Bogen meinen eigenen Rhythmus zu spielen. Jigs ohne Alter, hornpipes ohne Urheber, tunes, die ich selbst verzieren durfte. Tune and turn, tune and turn. Ich lernte, unverkrampft zu geigen und mit einer leeren Saite zu enden.

Als ich dann doch ans Konservatorium durfte, wollte ich gar nicht mehr nach Karlsruhe zurück. Da schenkten meine Eltern mir die Lowendall mit ihrem leuchtend warmen Ton. Ihre Decke ist aus Wolkenahorn, ihr Boden aus Rottanne, so rot. Mit dem Ebenholz unterm Kinn und dem Harzgeruch des Kolophoniums fühlte ich mich wieder geborgen. Ich studierte die hohe Kunst für große Bühnen ‒ und sehnte mich von meinem Orchesterplatz nach den Sonntagabenden im Crane. Das Glück der Iren kam zu mir zurück; ich durfte an die Royal Irish Academy. Ich lernte Sinéad kennen. Wir gründeten die Wild Swans. Wir wurden besser. Jetzt sind wir hier. Ich bin zurückgekehrt, sie kam mit mir. Deutschland wartet auf uns. Wir stehen wieder am Anfang.

 „Weißt du denn, was es bedeutet, ein Kind zu haben?“ Nein. Ich weiß es nicht. Franka weiß es auch nicht.  „Du machst dir keine Vorstellung.“ Doch. Ich mache mir eine Vorstellung. Ich würde gähnen statt zu geigen. Kein Schlaf mehr. Kein Sekt mit Franka. Keine Nächte in den Pubs, auch nicht in den deutschen hier. Keine Männer, höchstens einer. Keine Zeit, mir die Wimpern zu tuschen. Kein Geld und keine kurzen Kleider. Und vor allem, keine Tour. Kein Geigen und kein Fiedeln. Keine lonesome notes. Ein halbfertiges Album. Keine Wild Swans. Nicht für mich. Vielleicht wird Sinéad ein einsamer Schwan. Oder sie findet einen anderen.

(aus "Resonanz", erschienen in der Zeitschrift Trashpool Nr.3 / 2012)


Deswegen erzähle ich dir von Sarah Weinlaub. Das ist ihr Zimmer. Sarah gibt es nicht mehr.

Sarahs Zimmer steht seit Oktober leer. Und es stand einige Monate leer, bevor sie kam, weil ich bei jedem, der es ansah, froh war, wenn er wieder fort war. Und ich allein. Manchen hätte ich am liebsten erst gar nicht die Tür geöffnet, und bei jeder Frage, ist es okay, wenn mein Freund erstmal auch hier wohnt, haben wir denn eine Brotschneidemaschine, wir, stört dich mein Stachelschwanzleguan, auf jede Frage wollte ich antworten, geh doch gleich wieder. Das wird nicht dein Heim. Mit anderen unterhielt ich mich nett, sie wollten Glasnudeln für mich kochen, sie mochten meine Guppys und sogar meine Flundern, sie mochten Simon and Garfunkel und fuhren gerne nach Polen. Nett. Auch bei ihnen war ich froh, wenn die Tür wieder zu war und ich allein. Ich könnte diesen Leuten keine Haare in der Dusche verzeihen.

Als mein Geld nach dem Sommer knapp wurde, lud ich doch wieder einen Eindringling ein. Aber Sarah stampfte nicht in meine Wohnung. Sie schwebte, so bemüht schien sie, hier keine Spuren zu hinterlassen. Ich war bestürzt von ihrer Erscheinung: Sie trug diese verstörende Schönheit mit Fassung. 


(aus "Gebranntes Kind", 2013)


Bendsburg 1942

Für ein paar Tage bin ich befreit von meinem Einsatz im Kriegslazarett, und auf Urlaub bei den Eltern. Alle Väter sind im Krieg, nur mein Vater ist in Będzin geblieben. Er hatte Glück, er war vom Pferd gefallen, fährt seither nur noch motorisiert und wurde Stadtbaurat statt Soldat. Vater baut und baut und baut auch jetzt noch: Dem Stadtbild ein rein deutsches Aussehen zu geben, das ist sein Ziel. Wie groß das neue Architekturbüro mitsamt dem Stadtbauamt geworden ist. Wer hätte das gedacht 1929, als das alte Büro Konkurs ging und Mutters Vermögen gleich mit in der Konkursmasse verschwand? Und wie sich Mutter freute, als er den Auftrag für das neue Arbeitsamt in Oppeln bekam und wie leicht sie ihm dann vergaß, dass er so schnell in die Partei eingetreten war. Damals verstand ich das nicht, mit meinen neun Jahren bekam ich nur mit, dass wir zurück in die Stadt zogen in ein großes Haus mit voller Speisekammer, und Vater baute das Amt, die Apotheke, die Sportanlage, nun die Industriewerke. Er bekam ein Geschenk von ganz oben: "Himmler seinem lieben Hahneberg" steht eingraviert in Vaters silbernen Totenkopfring. Dieser Ring war unser Schlüssel: Für uns hat sich dann alles leicht aufgetan. Auch für mich. Schon mit sechzehn wurde ich, Rosmarie Hahneberg, zur Jungmädelführerin. Robert neckte mich damals, das läge nur an meinen gar so blonden Zöpfen, aber manchmal fragte ich mich schon: Warum ausgerechnet ich? Doch ich war mit Begeisterung dabei. Da waren die Übungen zur Leibesertüchtigung bei Tag. Wir traten an zum Sängerwettstreit. Gingen auf Vollmondwanderung, um im Heuschober zu übernachten. Und wir sangen weiter am Lagerfeuer:

Deutschland, wie sie dich verstehen:

Tausend Mal bist du verkannt!

Doch du schweigst und stehst im Werke

bis du allen Spott gebannt.

Trägst das Feuer deines Glaubens

mitten in die Dunkelheit,

bis die Glut…

Nein. Alles verkohlt. Aus dem Volksempfänger schnarrt der Führer was vom Schlachtfeld. Mutter findet ihn noch immer grässlich, sie sagt es nur leiser. Sie will nichts mehr vom Schlachtfeld hören. War doch schon ihr Vater im ersten Krieg geblieben. Und jetzt ist Robert in Russland. Wo wohl Ruth ist? Ich habe sie sehr lange nicht gesehen. Nur noch zwei Mal überhaupt. Vielleicht ist sie im Ghetto, ich weiß es nicht. "Wohngebiet der Juden. Betreten verboten" steht da. Aber von der Rückseite des Bauamtsgebäudes, vom Dachfenster aus, sieht man hinein. Mutter sah eine Frau, die sich im Mülleimer versteckte. Als sie sie rauszogen, sah sie auch ihren dicken Bauch. Man hört dort das Geschrei. Vater hört es täglich. Da sind so viele Menschen. Aber so viele sind es nun auch nicht mehr. Es gab schon viele Abtransporte. Und dann gibt es die Verkäufe im Rathaussaal, wo man ein Federbett für ein paar Reichsmark kriegt und einen Flügel oder Pelzmantel für ein paar Mark mehr.


Fast wäre ich selbst zur Menschenfracht geworden. Ich sollte Vater ein paar Unterlagen auf das Amt bringen. Dahinter liegt das Ghetto und daneben der Bahnhof. Ich musste dran vorbei und beachtete darum die Absperrung nicht. Andere Frauen gingen auch daran vorbei, schwer bepackt mit ihren Tornistern. Also ging ich neben ihnen die Straße hinunter zum Bahnhof, wollte den Bahnübergang passieren, doch er war schon geschlossen. Es wurden immer mehr Menschen, am Bahnsteig geriet ich ins Gedränge vor dem wartenden Zug. Ein Güterzug, bereit: die Türen der Waggons schon offen. Davor sah ich fuchtelnde Arme, suchende Augen, Kinder, die umhergezerrt wurden. Gesichter, Gesichter vieler Frauen, müde, teils verängstigt, teils auch hoffnungsfroh, dem Ghetto zu entkommen und neu zu beginnen. Überall Gepäck, eilig eingepackte Habseligkeiten, nicht viel, doch es wog dennoch schwer. Ich sah, sie konnten Hilfe brauchen, doch ich half ihnen nicht, und ich weiß nicht, warum. Ich wusste nicht, was geschah, was das für ein Zug war, zu dem mich die Menschenmasse um mich drängte. Ich wurde immer näher zu der offenen Tür getrieben. Je näher ich kam, desto mehr wuchs die Feigheit, wurde Angst, wurde Panik. Dieses unbestimmte Ziel, was es auch war, ich war nicht dafür vorgesehen! Ich bäumte mich auf, brach aus, gelangte zu einem der Aufseher. Ein SS-Offizier; sonst sah man hier nur Wehrmachtsuniformen. "Ich gehöre nicht in diesen Zug!" Er verlangte meinen Ausweis. Ich zeigte ihn, er ließ mich gehen. Jetzt wollte ich es doch wissen: "Was passiert mit diesen Leuten?" Das fragte ich ihn einfach. "Die kommen alle nach Palästina." Nach Palästina. Von Będzin mit dem Zug nach Palästina. Ich ließ den Zug ohne mich fahren und lief zu Vater. Vater hört jeden Abtransport, und könnte die Menschen sehen, wenn er ans Fenster ginge. "Ja", sagt er nur, "das ist schrecklich. Die werden ausgesiedelt nach Palästina. Aber das geht eben nicht anders. Es ist Krieg." Was unterscheidet mich von denen, die fuhren? "Deutschland, Feuer deines Glaubens…" Ich kann hier nicht mehr mitschmettern, wenn sie dort schreien. Aber ich singe weiter, weil ich nicht zu schweigen wage. Ich hoffe, Ruth ist in Amerika.


(aus "Alle Klarheiten beseitigt", 2012)